REICH DURCH SCHULDEN?
Schlaraffenland für Kreditnehmer?

Wer als Verbraucher heutzutage tatsächlich noch Zinsen auf Konsumkredite zahlt, scheint irgendetwas gewaltig falsch zu machen. Diesen Eindruck könnte man jedenfalls bekommen.

Schließlich bieten Internetplattformen Kredite für wahrhaft unterirdische Negativzinsen an… „ein effektiver Jahreszinssatz von minus 10 Prozent“ wurde zuletzt angeboten und intensiv beworben.

 

Und ich kann darauf warten:

Immer, wenn mal wieder die Negativzinskreditsau durch´s Dorf getrieben wird, fragen mich einige: Herr Walz, ich brauche zwar keinen Kredit, aber heute 1.000 Euro bekommen. Und statt alles zurückzuzahlen, auch noch gut hundert Euro behalten dürfen… das klingt verführerisch.

 

Soll es auch.

Einen Kredit aufnehmen und dann auch noch Geld dafür geschenkt bekommen. Das klingt tatsächlich zu schön, um wahr zu sein. Und Sie wissen ja, wie das mit Dingen ist, die zu schön klingen, um wahr zu sein…

Die sind dann meist auch nicht wahr.

 

Fallen Sie nicht auf den schönen Schein herein. Und tappen Sie nicht in die Plausibilitätsfalle (siehe Kapitel 39 „Was logisch klingt, ist noch lange nicht wahr“ in meinem Buch „Einfach genial entscheiden – Die 55 wichtigsten Erkenntnisse für Ihren Erfolg“).

 

Hände weg!

Hier lesen Sie kurz und gut meine Argumente, warum man ganz einfach die Finger von Kreditangeboten mit Null- oder Negativzins lassen sollte – und zwar auch und erst recht, wenn man ohnehin gar keinen Kredit braucht:

 

  • Die Betreiber dieser Internetplattformen und Anbieter solcher Kreditvermittlungen sind keine Samariter. Es sind Wirtschaftsunternehmen, die auf Gewinn aus Man hört, dass diese Unternehmen teilweise sogar an die Börse streben. Klar ist: Der Kreditnehmer bekommt jedenfalls nichts geschenkt.

 

  • Die Angebote für Null- und Negativzinskredite sind reine Werbeaktionen. Sie sollen für Schlagzeilen sorgen. Das agierende Unternehmen will auffallen. Auffallen um jeden Preis – mit Speck fängt man Mäuse. Aufmerksamkeitsökonomie nennt man das neudeutsch.

 

  • Die plakativ herausgestellten Negativzins-Sensationsangebote gelten nur für eine ganz bestimmte, enge Konstellation. Dabei ist die Kredithöhe stets gering (bis zu 1.000 Euro). Und die Laufzeit lang (zwei bis drei Jahre). Jede Abweichung von diesen Parametern lässt den Zins steigen.

 

  • Die Angebote sind immer noch bonitätsabhängig. Die Kreditwürdigkeit des Antragstellers wird stets vorab geprüft. Ein Anbieter schreibt auf seiner Webseite denn auch: „Der Negativzins-Kredit ist für alle Angestellten, Beamten und Arbeiter mit ausreichender Kreditwürdigkeit verfügbar.“ … ganz klar die typische Zielgruppe, die häufig einen Ratenkredit benötigt, oder? Jede Abweichung von diesen Parametern lässt den Zins steigen.

 

  • Alternative Kreditangebote für nicht so bonitätsstarke Anfrager sind dann stets erheblich teurer – mit Minuszinsen ist da nichts mehr.

 

  • Und diese Alternativangebote werden nach den Erfahrungsberichten von Kreditinteressierten im weiteren Verlauf recht penetrant durch Email und Telefonanrufe nachgehakt.

 

  • Verstecktes Geschäftsmodell im Hintergrund: Datenhandel. Bevor der Interessent überhaupt eine Aussage zu einem Kredit für sich erhält, muss er diverse persönliche Daten angeben. Name, Adresse, Familienstand, finanzielle Lebensumstände… Mit diesen Daten wird in Zeiten von Bezahlklicks, Affiliate Links, Datenverknüpfung und –weitergabe gearbeitet… und Geld verdient. Klipp und klar – auch wenn Sie sich nur informieren und sich dann gegen einen Kredit entscheiden: man hat bereits an Ihnen verdient.

 

  • Bitte berücksichtigen Sie unbedingt, dass selbst die angeblich beworbenen „Angestellten, Beamten und Arbeiter mit ausreichender Kreditwürdigkeit“ bei Zusage des Negativzins-Schnäppchenkredites letztlich in den Datensammlungen von Bonitätsprüfern, wie Schufa und Banken als jemand stehen, der mal einen Ratenkredit aufgenommen hat. Es könnte sein, dass diese Datensammlungen bei der Analyse der künftigen Kreditwürdigkeit nicht unterscheiden, ob das damals nun ein Bedarfskredit oder ein Scherzkredit war… Und ob das bei Ihrer künftigen Bonitätseinschätzung ein Vorteil oder ein Nachteil sein wird…

 

  • Und schließlich noch ein heikler Punkt, der bei allen Konsumkrediten zu beachten ist: Diese Kredite sind oft nur in Verbindung mit einer Restschuldversicherung erhältlich. Die Kosten für diese Versicherung werden häufig separat, also außerhalb des Kredites angegeben, denn sie müssen nicht in jedem Fall bei der Ermittlung des effektiven Jahreszinses eingerechnet werden. Nachteil: Der Effektivzins für die Gesamtkosten des Finanzierungsvorgangs wird geschönt.

 

Und was bedeutet das nun konkret für Sie?

Null- und Negativzinskredite – Schlaraffenland für Kreditnehmer? Nein! Da steckt das Wort Affen ja schon drin. Und wer macht sich mit Blick auf oben genannte Punkte schon gern zum Affen?

  • Also: Hände weg von diesen Lockvogelangeboten. Sie können dabei nur verlieren.
  • Da selbst in der Informations- und Anbahnungsphase mit Ihren persönlichen Daten Geld verdient wird (verstecktes Geschäftsmodell) gilt: Jeden Kontakt vermeiden – nicht einmal ausprobieren oder „testen“.
  • Das raten übrigens auch die Marktwächter Finanzen. Und haben zu diesem Thema einen Verbraucheraufruf gestartet:

Das für Kredite zuständige Marktwächter-Team der Verbraucherzentrale Sachsen möchte wissen, welche Erfahrungen Sie bei der Beantragung eines solchen Kredites gemacht haben.

 

Ich würde mich ja freuen, wenn Sie erst gar keine eigenen Erfahrungen gemacht haben, z.B. weil Sie rechtzeitig diesen Blogbeitrag gelesen haben.

Herzliche Grüße
Hartmut Walz
Sei kein LeO!

 

Erschienen am 08. März 2019.

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6 Kommentare zu “Reich durch Schulden? Schlaraffenland für Kreditnehmer?

  1. Dennis_M.

    Sehr geehrter Herr Prof. Walz,
    einmal mehr so ein akademischer und besserwisserischer Artikel, der einseitig die Interessen der Verbraucher beleuchtet und die Interessen der Finanzdienstleister vernachlässigt. Jeder Unternehmer strebt nach Gewinn und Marge. Wann werden Sie Kleingeist das endlich verstehen?

    Dennis M. (Kreditvermittler)

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Sehr geehrter Herr Dennis M., ich hatte nicht gehofft, von Ihnen bzw. Ihren Kollegen Komplimente zu erhalten 🙂
      Und den “Kleingeist” lassen wir mal einfach so stehen und dem Urteil der Leser überlassen…
      Ich wünsche Ihnen wenig Erfolg bei der weiteren LeO-Suche

      Antworten
  2. T. Kleinschmitt

    Wow, sehr geehrter Herr Prof. Walz,

    während ich spontan, dachte, dass Sie ein Randproblem bearbeiten, haben meine über 30 Azubis mir beim Wochenendgespräch gesagt, dass das wohl doch kein “Luxusproblem” ist. Mehr als die Hälfte der Azubis hatten schon Überlegungen oder Aktivitäten in Hnblick auf diese Superkredite.
    Danke, dass ich auf Sie verweisen kann und nicht immer der einzige Miesepeter oder Spielverderber bin…

    Herzlich

    T. Kleinschmitt

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Liebe/r T. Kleinschmitt, danke für die interessante Rückmeldung.
      Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sein kein LeO!

      Antworten
  3. Stefan Weber

    Jawohl – erst gar nicht schwach werden bei solchen Nepp-Angeboten. Früher gab es die Sendung “Vorsicht Falle” mit Eduard Zimmermann.
    In der Sendung mit dem Untertitel Nepper, Schlepper, Bauernfänger (zeitweise mit dem Zusatz: Die Kriminalpolizei warnt) deckte Zimmermann zahlreiche im Alltag und bei Geschäften an der Haustür begangene Betrügereien auf. Zunächst wurde das Sendeformat eingestellt. Nun wurde es aber wieder in Fernsehprogramm zurückgeholt, warum nur? Der mal wieder hervorragende recherchierte Beitrag von Herrn Professor Walz würde sicher gut in das Programmschema passen 🙂
    Vielen Dank und machen Sie weiter so mit Ihren hervorragenden Analysen.

    Antworten
    1. Walz Artikelautor

      Lieber Stefan Weber, simmt! Vorsicht, Falle! ist wieder da… Und zwar nicht ohne Grund, genau 🙂
      Danke & herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sein kein LeO!

      Antworten

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