Muss nach dem Wirecard-Debakel die Anlage in Aktien überdacht werden?

30. Oktober 2020

Gastbeitrag Markus Marquardt, Valley
Muss nach dem Wirecard-Debakel die Anlage in Aktien überdacht werden?

In nur wenigen Tagen hatte im Juni 2020 eines der 30 größten deutschen Unternehmen aufgrund von Betrugsverdacht über 90% seines Börsenkurses eingebüßt.

 

Am 25. Juni 2020 wurde wegen drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung Insolvenzantrag beim Amtsgericht München gestellt. Die Vorstände sind inhaftiert oder auf der Flucht.

Wer in den letzten Wochen die Hintergründe in den Medien verfolgt hat, schüttelt ungläubig den Kopf, mit welcher Dreistigkeit hier im ganz großen Stil betrogen wurde.

Die aus meiner Sicht „heißeste Story“ ist folgende:

Die aus meiner Sicht heißeste Story ist folgende

 

Da stellt sich einigen Anlegern schon die Frage, ob Aktien nicht einfach doch nur „Teufelszeug“ und als Geldanlage nur für Glücksritter und Hasardeure geeignet sind.

Die klare Antwort auf die Frage lautet: NEIN!

 

Warum NEIN?

Was wir hier gerade in dramatischer Weise live verfolgen können, ist lehrbuchartig!

Wer investiert, geht zwangsläufig Risiken ein. Risiko ist aber nicht gleich Risiko. Es muss grundsätzlich zwischen unsystematischen Risiken und systematischen Risiken unterschieden werden.

 

Unsystematisches Risiko

Das unsystematische Risiko besteht bei einzelnen Aktien und kann auf unterschiedliche Weise in Erscheinung treten:

Beispiele: Schlüsselpersonen-Risiko, Betrugs-Risiko, Branchen-Risiko…

Bewahrheitet sich ein unsystematisches Risiko, wie im Fall Wirecard der Betrug, oder bei Lufthansa aktuell das Branchenrisiko (eine gesamte Branche ist betroffen), droht die Insolvenz des Unternehmens und der Totalverlust für den Aktionär.

Solche Risiken sind nicht abschätzbar und wenn sie erkannt werden, ist es meist schon zu spät. Die Anleger verlieren ihr Geld.

Für das Eingehen von unsystematischen Risiken gibt es keine Risikoprämie!

Es macht also für einen strategischen, rational denkenden Anleger keinen Sinn, unsystematisches Risiko einzugehen (also eine einzelne Aktie zu kaufen).

Dass das unsystematische Risiko nicht kalkulierbar ist, zeigt sich an den Kursprognosen verschiedener Großbanken (sogenannte „Profis“) für die Wirecard Aktie kurz vor deren Insolvenz:

Kursprognosen verschiedener Großbanken für die Wirecard-Aktie

 

Diese Kursziele wurden ausgegeben, obwohl die Financial Times bereits im Januar 2019 vor eventuell gefälschten Verträgen bei Wirecard gewarnt hatte. Und obwohl Wirecard bereits mehrfach die Veröffentlichung der Bilanzen verschoben hat.

Man konnte bereits erahnen, dass hier irgendetwas faul sein könnte.

Unsystematische Risiken haben in der Vergangenheit bereits sehr große Unternehmen (z.B. den Energiekonzern ENRON, ehemals eines der größten Unternehmen in den USA) vom Kurszettel entfernt und werden das auch in Zukunft immer wieder tun.

Die Finanzindustrie verschweigt dem Anleger diese Zusammenhänge und macht ihm Glauben, dass mit ausreichender Analysekompetenz fantastische Renditen weit oberhalb der „langweiligen“ Marktrendite zu verdienen sind.

Das Schöne am unsystematischen Risiko ist aber, dass es eliminiert werden kann.

Durch die Anlage in sehr viele verschiedene Aktien (z.B. über Fonds) wird dieses Risiko quasi wegdiversifiziert. Was übrig bleibt, ist das systematische Risiko.

 

Systematisches Risiko

Als systematisches Risiko wird das allgemeine Marktrisiko bezeichnet. Also das Risiko, dass der gesamte weltweite Aktienmarkt schwankt.

Dieses Risiko ist für langfristige Anleger gut kalkulierbar. Betrachtet man die Wertentwicklung der letzten ca. 100 Jahre, ist ab einem Anlagehorizont von ca. 10 Jahren ein Verlust äußerst unwahrscheinlich.

Langfristig können Anleger bei einer Anlage in weltweit gestreute Aktien mit einer durchschnittlichen Rendite von ca. 8-9% (vor Steuern und Kosten) kalkulieren. Ein Totalverlust ist aufgrund der breiten Streuung in viele verschiedene weltweit verteilte Aktien de facto ausgeschlossen.

Kurzfristig ist der weltweite Aktienmarkt aber starken Schwankungen ausgesetzt. Die Differenz der Aktienrendite zur Rendite risikoarmer, festverzinslicher Anlagen wird als Risikoprämie für das Eingehen des systematischen Risikos bezeichnet.

Einfach ausgedrückt: Es macht Sinn, das systematische Risiko einzugehen (also breit im Markt investiert zu sein), da es im Gegensatz zum unsystematischen Risiko mit einer Prämie belohnt wird.

 

Fazit

Die Insolvenz eines großen Unternehmens aufgrund eines unvorhersehbaren Ereignisses ist nichts Neues und wird immer wieder vorkommen.

Für den aufgeklärten Investor ist dies aber ohne jede Bedeutung. Er streut breit, nimmt das Risiko kurzfristiger Marktschwankungen in Kauf und freut sich über langfristige attraktive Renditen.

 

Anmerkung:

Die Ausführungen sollen lediglich informativ sein und stellen keine Anlageberatung oder die Empfehlung von Anlageprodukten dar!

 

PROFIL_Markus_Marquardt

 

Erschienen am 30. Oktober 2020.

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Kommentare
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Sehr geehrte Herren Prof. Dr,. Walz, Marquardt,

zu diesem Blog kann ich nur sagen: Kompliment und am heutigen Weltspartag ist es sicherlich richtig auf das wirtschaftl. Denken der Deutschen aufmerksam zu machen. War vielleicht auch die Hoffnung, aber wie gesagt:
gut gedacht ist noch lange nicht gut gemacht.
Herzlichen Dank für diese Darstellung und bitte weiter so
mit besten Grüßen PMR

Sehr geehrter Herr Respondek,
vielen Dank für Ihre netten Zeilen! Feedback ist für uns sehr wertvoll!
Herzlichen Dank und alles Gute,
Markus Marquardt

….selten so einfach und logisch den Unterschied von unsystematischem und systematischem Risiko erklärt gesehen. Da zeigt sich, dass es auf die Streuung ankommt, Einzelwerte Zockerei sind und dass man mit dem bewussten Eingehen von (Markt-)Risiken mit der Zeit doch recht einfach Rendite erzielen kann!
DANKEschön!

Sehr geehrter Herr Hildebrand,
vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Theorie ist es tatsächlich recht einfach mit breit gestreuten Portfolios gute Rendite zu erzielen. In der Praxis scheitern leider sehr viele Anleger, weil sie es nicht schaffen auch in stürmischen Zeiten ihrer Strategie treu zu bleiben. Hier kann ein externer Berater/Coach viel bewirken.
Herzliche Grüße und alles Gute,
Markus Marquardt

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