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Lebensversicherungen prüfen

Warum Sie Ihre Lebensversicherungen prüfen sollten
Gastbeitrag von Achim Teske, Honorar-Anlageberater, Hamburg

Der 5. Juni 2019 wird mir für immer im Gedächtnis bleiben.

Ich war zu einer Fortbildung für Honorarberater nach Berlin eingeladen und hörte eine Aussage, an die ich seitdem fast täglich erinnert werde:

„Was ist schlimmer als nicht versichert zu sein? Zu glauben, man sei versichert und dann ist man es gar nicht.“

Diese Aussage stammte von Robert F. Merton, einem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, der an diesem Tag der Keynote-Sprecher war.

 

Warum muss ich fast täglich an diese Aussage denken?

Weil meine Mitarbeiter und ich seit 2017 über 4.000 kapitalbildende Lebens– und Rentenversicherungen (im Folgenden: „Lebensversicherungen“) überprüft haben. Unsere ernüchternden Erkenntnisse:

  • Jede zweite Lebensversicherung war in der Verlustzone, das heißt, dass der aktuelle Vertragswert niedriger als die Summe der eingezahlten Beiträge war.
  • Nur jede neunte Versicherung hatte eine Rendite, die nach Kosten und Steuern höher als die Inflationsrate war.

Mit anderen Worten: 89 % der von uns geprüften Verträge erzielten nach Kosten, Steuern und Inflation keine reale Rendite für eine langfristige Altersvorsorge.

Lebensversicherungen prüfen Zitat Achim Teske, Hamburg

 

Die grundsätzlichen Probleme mit Lebensversicherungen zur Geldanlage

Dieser Beitrag stellt keine pauschale Bewertung aller Lebensversicherungen dar. Ob ein Vertrag sinnvoll ist, hängt immer von den individuellen Zielen, Kostenstrukturen, steuerlichen Rahmenbedingungen und Vertragsbedingungen ab.

 

Nettopolicen

Der Einsatz von bestimmten Lebensversicherungen, zum Beispiel Nettopolicen, die mit ETFs befüllt werden, kann in seltenen Fällen eine sinnvolle und rentable Kapitalanlage sein. Der Einsatz dieser Versicherungen kann außerdem bei der Vermögensübertragung steuerlich und erbrechtlich attraktiv sein. Allerdings liegt der Marktanteil dieser modernen Produkte von Netto-Fondspolicen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

Und von diesen wiederum ist ein hoher Anteil allein schon aufgrund hoher Verwaltungs- und sonstiger Kosten unvorteilhaft. Bei den verbleibenden besteht die Gefahr, dass die separat berechneten Abschluss- und ggfs. zusätzlich Betreuungshonorare die Rentabilität stark beeinträchtigen.

Letztlich machen hohe Abbruchquoten die erhofften Steuervorteile oft zunichte.

 

Provisionsbasierte Lebensversicherungen

Jedoch wird der Markt weiterhin von provisionsbasierten Lebensversicherungen mit oft hohen Kosten und niedrigen Renditen dominiert.

Vielen Versicherungskunden steht bei Auszahlung ihrer Versicherungen deshalb ein böses Erwachen bevor. Denn die bei Vertragsschluss in Aussicht gestellten Ablaufleistungen werden nur selten erreicht.

Einer der Hauptgründe: Lebensversicherungen werden mit einer Vielzahl von Kosten belastet, z.B. Abschluss- und Vertriebskosten, Verwaltungskosten, Kapitalanlagekosten und Risikokosten.

In unserer Erfahrung liegen die Gesamtkosten bei Lebensversicherungen zwischen 15% und 40% der gesamten Beitragssumme.

Das heißt: Bei einer Versicherungssumme von 100.000 Euro werden 15.000 bis 40.000 Euro als Kosten abgezogen. Diese Kosten werden von den Kunden getragen und reduzieren deren Rendite in gravierendem Maße.

 

Warum ist die Lebensversicherung trotzdem immer noch das Nr. 1 Finanzprodukt in Deutschland?

Warum gibt es über 80 Millionen Lebensversicherungen und rund 3 Millionen neue Verträge pro Jahr?

In meiner Erfahrung gibt es dafür drei Hauptgründe

  • Potentielle Fehlanreize im Vertrieb
  • Intransparenz bei der Wertentwicklung
  • Starker Fokus auf steuerliche Vorteile

  

Potentielle Fehlanreize im Vertrieb

Um Missverständnissen vorzubeugen: Finanzberatung ist eine Dienstleistung, die selbstverständlich vergütet werden muss. Genauso wie ein Honorar ist eine Provision grundsätzlich eine legitime Form der Vergütung.

Kritisch wird es jedoch, wenn Vergütungsstrukturen für Kunden schwer nachvollziehbar sind oder wirtschaftliche Anreize entstehen, die nicht vollständig mit den Interessen des Kunden übereinstimmen.

Gerade bei Lebensversicherungen spielen Provisionen traditionell eine wichtige Rolle. Die Vergütung von Vermittlern erfolgt typischerweise aus mehreren Komponenten:

  • Abschlussprovisionen: Diese betragen häufig rund 4% der über die Laufzeit vereinbarten Beiträge. In einzelnen Fällen können sie auch höher ausfallen.
  • Bestandsprovisionen: Zusätzlich erhalten Vermittler teilweise laufende Vergütungen für die Betreuung bestehender Verträge.
  • Beitragsdynamiken: Viele Versicherungsverträge enthalten automatische jährliche Beitragserhöhungen („Dynamiken“). Dabei können zusätzliche Provisionen auf die erhöhten Beiträge anfallen, sofern der Kunde der Dynamik nicht widerspricht.

 

Intransparenz bei der Wertentwicklung

Versicherungskunden erhalten jedes Jahr eine sogenannte Standmitteilung. Darin ist die Entwicklung ihrer Versicherung ausgewiesen.

Das Problem: Diese Schreiben sind für Kunden häufig unverständlich und werden oft kopfschüttelnd abgeheftet. Eine Studie von Marktwächter Finanzen ergab, dass kaum eine Standmitteilung die Informationen liefert, die Kunden benötigen, um die Sinnhaftigkeit ihrer Verträge einschätzen zu können.[1]

 

Starker Fokus auf steuerliche Vorteile

Kapitalbildende Lebensversicherungen bewirken regelmäßig eine Steuerverlagerung von der Ansparphase in die Entnahme- bzw. Rentenphase, die jedoch nicht automatisch und in jedem Fall einen Steuervorteil darstellt.

Nur unter gewissen Umständen ergeben sich letztlich insgesamt steuerliche Vorteile. Diese müssten aber die Kosten des Versicherungsvertrags übersteigen, um für den Kunden vorteilhaft zu sein.

Außerdem ist Steuerersparnis kein Selbstzweck, sondern es kommt auf den Vorsorgeerfolg bzw. den Vermögensaufbau nach Steuern an. Geradezu zynischer Zusammenhang: In der Praxis geht die geringe Steuerlast vieler Versicherungsverträge ganz einfach auf die Tatsache zurück, dass diese keine oder nur geringe Erträge erzielen.

Insgesamt entpuppt sich der starke Steuerfokus oft als fragwürdige Verkaufstechnik, die von fehlendem bzw. unbefriedigend geringem Vermögensaufbau der meisten Versicherungsverträge ablenkt.

Besonders bei Basisrenten („Rürup-Renten“) haben wir die Erfahrung gemacht, dass die vermeintlichen Steuervorteile besonders hervorgehoben werden. Die Nachteile von Basisrenten werden hingegen oft nicht ausreichend thematisiert.

 

Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Überprüfung von Lebensversicherungen

Wir empfehlen, bei Lebensversicherungen zwei Prüfungen durchzuführen:

  • Finanzmathematische Überprüfung auf wirtschaftliche Sinnhaftigkeit und
  • Juristische Prüfung auf die Möglichkeit eines Widerrufs durch einen qualifizierten Fachanwalt

Die Wirtschaftlichkeitsprüfung können Sie als Versicherungskunde selbst durchführen. Summieren Sie dazu die bisher gezahlten Beiträge und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem aktuellen Vertragswert. Dadurch erhalten Sie den bisherigen Ertrag (oder Verlust) und können die bisherige Rendite berechnen.

Die Rendite sollte bei klassischen Versicherungen mindestens die Inflationsrate ausgleichen, d.h. 2% pro Jahr oder mehr betragen.

  • Bei Fondspolicen sollte die Rendite deutlich höher sein und sich in der Nähe der Marktrendite minus marktüblicher Kosten bewegen. Bei einem 60% Aktien und 40% Anleihen-Mix lag die Rendite in den vergangenen 20 Jahren bei 5% bis 7% pro Jahr (nach Kosten).
  • Bei klassischen Versicherungen können Sie außerdem anhand der Standmitteilung die garantierte Verzinsung für den Rest der Laufzeit errechnen. Einen kostenfreien Rechner finden Sie bei Zinsen-berechnen[2].

Ihnen fehlen Informationen? Der Bund der Versicherten stellt auf seiner Website zahlreiche nützliche Musterschreiben zur Verfügung, mit denen Versicherungskunden Informationen zu ihren Versicherungen anfordern können.[3]

Falls Sie die Prüfung nicht selbst durchführen möchten, empfehle ich einen neutralen Experten zu beauftragen, zum Beispiel die Verbraucherzentrale, einen Versicherungsberater oder einen echten Honorarberater.

 

Der Notausgang aus unrentablen Versicherungen: Widerruf und Rückabwicklung

2013 hat der Europäische Gerichtshof ein bahnbrechendes Urteil gesprochen. Dieses Urteil gewährt Versicherungskunden ein „ewiges Widerrufsrecht“, falls sie bei Vertragsschluss nicht ausreichend über ihre Verbraucherrechte aufgeklärt wurden.

Wir haben inzwischen eine dreistellige Zahl von Widerrufen begleitet. In unserer Erfahrung sind rund 40% aller Lebensversicherungen angreifbar. Je nach Vertragskonstellation können sich im Rahmen einer Rückabwicklung erhebliche zusätzliche Zahlungen ergeben.

Auf der Website der Verbraucherzentrale finden Sie einen detaillierten Ratgeber zum ewigen Widerrufsrecht.[4]

 

Widerrufsrecht, neue Regelungen

Neuverträge:

Nach der Reform des Verbraucher- und Versicherungsvertragsrechts ist das Widerrufsrecht bei ab dem 19.06.2026 abgeschlossenen Lebensversicherungsverträgen grundsätzlich auf 24 Monate und 30 Tage ab Vertragsschluss begrenzt. Bei schwerwiegenden Belehrungsfehlern bleibt das „ewige“ Widerrufsrecht auch für Neuverträge ab dem 19.06.2026 bestehen.

Altverträge:

Für Altverträge (bestehende Lebensversicherungen, vor dem 19.06.2026 abgeschlossen) ändert sich nach Meinung von Verbraucherschützern nichts: Das Widerrufsrecht bleibt bei fehlerhafter Belehrung bestehen.

Es ist derzeit rechtlich nicht geklärt, ob diese Altverträge nach dem 19.06.2026 noch widerrufen werden können. Wer auf der sicheren Seite sein will, sollte seine Versicherungen schnellstmöglich prüfen und ggfs. vor dem 19.06.2026 widerrufen.[5]

 

Fazit

Lebensversicherungen sind zur Zeit (noch) das am häufigsten genutzte Altersvorsorgeprodukt in Deutschland und ihr Abschluss gehört für viele Menschen zu den größten langfristigen Finanzentscheidungen ihres Lebens. Umso wichtiger ist es, die wirtschaftliche Entwicklung regelmäßig zu überprüfen. Viele Anleger dürften überrascht sein, wie stark Kosten, Inflation und Steuern die tatsächliche Nettorendite beeinflussen.

Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser. Überprüfen Sie alle Versicherungsverträge – insbesondere Ihre Lebensversicherungen regelmäßig. So stellen Sie sicher, dass Ihre Geldanlage bzw. Vorsorge zeitgemäß ist und Ihnen hilft, Ihre finanziellen Ziele zu erreichen.

Autorenprofil Achim Teske

[1] Studie Marktwächter Finanzen

[2] kostenfreien Rechner Zinsen-berechnen 

[3] Musterbriefe Bund der Versicherten 

[4] Artikel Verbraucherzentralen: Recht auf ewigen Widerspruch bei Lebens- und Rentenversicherungen 

[5] Artikel Verbraucherzentralen: Widerrufsrecht bei Lebens- und Rentenversicherungen: Was ändert sich? 

 

Erschienen am 27. Mai 2026.
Der Hartmut Walz Finanzblog ist unabhängig, kosten- und werbefrei. Ich erhalte für Links und Empfehlungen keinerlei Honorar, Kick-back, Beteiligung o. ä.

1 Kommentar zu „Lebensversicherungen prüfen“

  1. Ich hatte in der Vergangenheit mehrere Rentenversicherungen mit einer Laufzeit von 12 Jahren bei der Europa, Cosmos Direkt und Asstel. Die sind alle vor ca. 10 Jahren ausgelaufen und ausgezahlt. Die schlechteste Rendite hatte Asstel mit 2,34% (jetzt Gothaer). Die beste Rendite hatte Cosmos direkt mit 5,89%.

    Sollte man diese noch angreifen? Es waren jeweils nur „Minirenten“ (insgesamt 5 Stück) mit einer Auszahlung von ca. 6.000 € – 15.000 €

    Reply
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