Reform der steuerlich geförderten privaten Altersvorsorge
Ein Aufschrei… äh, Gastbeitrag von Axel Kleinlein
Die steuerlich geförderte private Altersvorsorge soll reformiert werden. Derzeit befasst sich der Bundestag mit dem Gesetzentwurf der Bundesregierung zum sog. Altersvorsorgereformgesetz.
Künftig soll es
- neben sicherheitsorientierten Garantieprodukten (mit garantiertem Kapital zu Beginn der Rentenzahlung)
- auch ein staatlich gefördertes und zertifiziertes Altersvorsorgedepot ohne Kapitalgarantie geben, über das in Fonds und andere für Privatanleger geeignete Anlageprodukte investiert werden kann.
Über dieses neue Altersvorsorgedepot ohne Garantien wird derzeit besonders intensiv diskutiert:
1.
Die Effektivkosten bei diesem Standarddepot sollen bei 1,5% gedeckelt werden. Zu hoch, findet nicht nur der Bundesrat. Auch Axel Kleinlein, Versicherungsmathematiker und ehemaliger Vorstand der Verbraucherschutzorganisation Bund der Versicherten e.V. (BdV) bemängelt das.
2.
Er kritisiert außerdem Nebenwirkungen des geplanten Zillmerverbots: Dieses soll bewirken, dass die Abschlusskosten der Versicherer anders als bisher über die gesamte Vertragslaufzeit verteilt würden. Aus seiner Sicht würde diese Veränderung aber dazu führen, dass einfach die anderen Kunden auf Überschüsse verzichten müssen, um die Abschlusskosten und Provisionen zu finanzieren.
Axel Kleinlein erklärt kurz und knackig, warum beide Punkte aus Verbrauchersicht Unfug sind und deshalb nicht Gesetz werden sollten. Hier die wichtigsten Ausschnitte aus seinen Pressemitteilungen von Mitte Februar dieses Jahres – herzlichen Dank an Axel Kleinlein!
1.
Zu hoher Kostendeckel in der geförderten Altersvorsorge belastet besonders junge Kunden
Der Kostendeckel soll die sogenannten „Effektivkosten“ auf 1,5% für das Standarddepot beschränken. Effektivkosten von 1,5% bedeuten, dass bei einer gegebenen Wertentwicklung der Kapitalanlage die Rendite durch die Kostenbelastung gerade um diese 1,5% sinkt.
Würde also am Kapitalmarkt eigentlich eine Rendite von 5% erwirtschaftet werden und es fallen Effektivkosten von 1,5% an, so verbleiben nur 3,5% tatsächliche Rendite.
Zahlt der Kunde monatlich 100 Euro ein, und es würden keine Kosten anfallen, so würde er im Beispiel bei einer Laufzeit von 47 Jahren knapp 220.000 Euro haben. Durch die Kosten entgehen ihm gut 78.000 Euro, so dass er nur gut 141.000 Euro im Alter 67 hat.
Durch den Zinseszinseffekt schlagen die Effektivkosten bei langen Laufzeiten besonders stark zu. Dies entspricht einem kostenfreien Sparvertrag, in den der Kunde nur 64,25 Euro monatlich einzahlt. Die Kosten wirken also so, als würden ihm monatlich 35,67 Euro abgezogen werden.
Die Angabe der Effektivkosten ist nur für einen Finanzmathematiker wirklich verständlich und geben kein Gefühl für die echte Kostenbelastung. Denn würde ein heute 50-jähriger auch bei 5% Verzinsung, Effektivkosten von 1,5% und auch bis 67 sparen wollen, so fällt die Rechnung hier anders aus. Die Kosten wirken nun so, als würden ihm monatlich nur 12,75 € für Kosten abgezogen werden.
Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Dieser Aspekt des Gesetzentwurfs ist schlecht. Wenn wir besonders junge Menschen dazu animieren wollen, fürs Alter vorzusorgen, dann müssen die Kosten runter. Altersvorsorge sollte sich besonders für junge Menschen lohnen und nicht ihre Jugend bestrafen.
Besser wäre ein Kostendeckel bezogen auf den Sparbeitrag
Nur wenn klar ist, welcher Anteil meines Sparbeitrags für Kosten abgezogen wird, dann kann ich günstige oder teure Verträge erkennen.
Ein Kostendeckel von 1,5% p.a. für „Effektivkosten“ belastet besonders junge Sparer
Lesebeispiel zu obiger Tabelle:
Wenn eine heute 40-jährige Person jeden Monat 100 Euro bis Rentenbeginn in 27 Jahren sparen will und die Kapitalanlage eigentlich 5% bringt, aber davon 1,5% an Kosten abgezogen werden, dann stehen zu Rentenbeginn nur 53.501,16 Euro zur Verfügung.
Wäre der Vertrag kostenfrei gewesen, so hätte die Person aber 13.865,30 Euro mehr für die Rente. Die Kosten wirken also so, als würden ihr jeden Monat 20,58 Euro vom Sparbeitrag abgezogen.
[Berechnungsannahmen: Wertentwicklung vor Kosten 5,0%, Effektivkosten von 1,5%, Anspardauer bis Alter 67, monatliche Sparleistung von 100 Euro]
2.
Trotz Zillmerverbot: Hohe Provisionen für Versicherungsvermittler in der geförderten Altersvorsorge
Beim so genannten Zillmern geht es darum, dass Versicherungsvermittler eine hohe Provision kassieren können und die Versicherungsunternehmen das bilanziell korrekt zu Lasten genau dieses Neukunden verbuchen können. Bei einem durchschnittlichen 30-Jahresvertrag mit 100 Euro Monatsbeitrag sind das 900 Euro, die als Provision „gezillmert“ werden können.
Nach dem vorliegenden Gesetzentwurf soll dieses Zillmern bei der geförderten Altersvorsorge zukünftig nicht mehr möglich sein. Die Hoffnung: Provisionen sollen für diese Verträge ratierlich fließen[1].
Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Neben dem Zillmern kalkulieren die Versicherungsunternehmen auch mit zusätzlichen Abschlusskosten. Die werden dann aber nicht dem neuen Vertrag angelastet, sondern mindern das Geschäftsergebnis insgesamt.
Versicherer können solche Verluste über die Überschussbeteiligung dem Gesamtkollektiv anlasten. Das heißt: Wenn zukünftig ein Vermittler einen solchen Vertrag verkauft, gehen die 900 Euro Provision bilanziell nicht zu Lasten des Neukunden. Stattdessen werden diese Provisionen dann zum Großteil allen Kunden abgezogen und führen zu niedrigeren Überschüssen.
Aufsichtsrechtlich soll ein Versicherer eigentlich so kalkulieren, dass er „allen seinen Verpflichtungen nachkommen kann“ (§ 138 VAG) – ohne auf andere Geldquellen wie etwa die Überschüsse anderer Kunden zuzugreifen. Konkret bedeutet das, dass die über die Zillmerung eingerechneten Abschlusskosten ausreichen sollten, um Provisionen und andere Kosten beim Vertragsabschluss zu begleichen.
Das funktioniert aber schon jetzt nicht
Branchenweit sind etwa ein Drittel aller Abschlusskosten nicht über das Zillmerverfahren abgedeckt.
Konkret sind allein in 2023 über 3 Milliarden an solchen Kosten angefallen, die über das erlaubte Zillmern hinausgehen.
Im Schnitt verzichtete jeder Kunde pro Vertrag auf etwa 40 Euro an potenziellen Überschüssen, damit die Versicherer die Provisionen bezahlen konnten.
Schon die Vergangenheit zeigt, dass eine niedrigere Zillmerung nicht automatisch zu niedrigeren Abschlusskosten führt. 2014 sank der Zillmersatz von 4% auf 2,5% und trotzdem sanken die Abschlusskosten gerad mal von 5% auf 4,9%.
Der Trick, die Abschlusskosten dem Gesamtkollektiv anzulasten, funktioniert aber nur bei Angeboten der Versicherer. Banken oder Fondsgesellschaften haben keine Möglichkeiten, Kostenbelastungen der Neukunden auf den Bestand abzuwälzen – nur die Versicherer.
Wer einen echten Wettbewerb haben will, der muss diese Privilegierung der Versicherer ausmerzen.
Zwei Lösungsansätze könnten helfen
Wir brauchen entweder eine Aufsicht, die dafür sorgt, dass die Versicherungsunternehmen auskömmlich und redlich kalkulieren. Oder wir brauchen eine Provisionsbeschränkung in der geförderten Altersvorsorge.
Dabei ist der Weg über die BaFin die sauberste Lösung: Die Aufsichtsbehörde BaFin sollte endlich dafür sorgen, dass Versicherungsunternehmen – wie jeder gute Kaufmann – nur so viel Geld ausgeben, wie sie auch in das Produkt einkalkulieren.
Ein anderer Weg zur Schadensbegrenzung bei der Verbuchung der Abschlusskosten wäre es dagegen, ausdrücklich zu fordern, dass Provisionen nur ratierlich ausgezahlt werden dürfen. Angesichts dessen, dass Milliarden an Steuergeldern zur Förderung dieser Produkte verwendet werden sollen, sollte eine solche Sonderregelung für geförderte Verträge auch politisch durchsetzbar sein.
Denn besonders bei einer mit Steuergeldern geförderten Altersvorsorge sei es hochproblematisch, dass Versicherer mit der Hoffnung auf zukünftige Gewinne schon heute das Geld anderer Kunden für hohe Provisionen ausgeben.
Es ist ein fatales Signal, wenn Bestandskunden auf Rendite verzichten sollen, um das steuerlich geförderte Neugeschäft zu finanzieren.
Fazit
Die Bunderegierung plant mit dem Altersvorsorgereformgesetz eine Neuordnung der staatlich geförderten Altersvorsorge. Dabei soll für bestimmte Produkte erstmals ein Kostendeckel eingeführt werden. Nach Berechnungen des Versicherungsmathematikers Axel Kleinlein bedeutet dies, dass einem heute 20-jährigen mehr als ein Drittel dessen, was er zahlt, als Kosten abgezogen werden. „Dieser Kostendeckel ist zu hoch und ein Freifahrtschein, besonders junge Kunden zu schröpfen“ erklärt Kleinlein. Er rechnet vor, dass besonders junge Sparer trotz Kostendeckel hohe Abzüge befürchten müssen, bei älteren Kunden ist der Kostenspielraum aber geringer.
Nach dem Altersvorsorgereformgesetz sollen nach Plänen der Regierung die Angebote der Versicherer mit faireren Abschlusskosten kalkuliert werden. Das so genannte Zillmern soll für diese Produkte verboten werden. Nach Analyse des Versicherungsmathematikers Axel Kleinlein verhindert das keineswegs hohe Zahlungen an den Versicherungsvertrieb. „Alle Kunden müssten zukünftig auf Überschüsse verzichten, damit die Vermittler weiter hohe Provisionen erhalten“ fasst er das Ergebnis zusammen. „Versicherer werden auch in Zukunft gegenüber anderen Finanzdienstleistern deutlich privilegiert“ warnt Kleinlein. Er sieht an erster Stelle die Aufsichtsbehörde BaFin in der Pflicht, die Versicherer zu einer auskömmlichen Kalkulation zu zwingen.
[1] „Ratierlich“ bedeutet in diesem Versicherungskontext, dass Provisionen in Raten, also laufend (z. B. monatlich) fließen sollen – und zwar abhängig vom Eingang der Kundenbeiträge beim Versicherer. Der Vermittler bekäme sein Geld also erst, wenn der Kunde wirklich gezahlt hat, statt vorab. Das würde das Risiko für die Versicherer bei Stornos reduzieren.
-Aus den Pressemitteilungen von Axel Kleinlein, mathconcepts Kleinlein, Berlin im Februar 2026-
Erschienen am 26. Februar 2026.
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Manchmal lohnt es sich über die Grenzen Deutschlands hinweg zu sehen. In USA gibt es für die individuelle Altersvorsorge die IRAs ( individuel retirement accounts) Man spart vor Steuern verdientes Geld und investiert es in IRAs über Fonds, ETFs etc und wenn man 72 ist muss man anfangen, das verdiente Geld aus dem IRA zu nehmen und muss es zum individuellen Steuersatz versteuern. Es entstehen keine Abschlusskosten, keine Versicherung ist involviert, nur die Kosten der Fonds etc müssen getragen werden. Warum machen wir es in Deutschland so kompliziert und teuer????
Die USA haben diesbzgl. ein einfaches und sehr nützliches System auf die Beine gestellt. Es reicht auch etwas näher zu schauen, und zwar nach Polen, sollte jemand Abneigung gegenüber USA haben (in D gar nicht so selten). Dort gibt es bereits seit Jahren ein ähnliches System. Warum sind wir in D so langsdam, so zögerlich und so ängstlich…
Ich würde sagen der Titel „Riester 2.0“ würde besser passen als „Altersvorsorgedepot“.
Riester 3.0, Riester 2.0 war doch die dubiose bAV, bei denen man erstmal 98 werden musst, um seine eigenen Beiträge raus zu haben…
Sehr geehrter Herr Professor Walz,
vielen Dank für Ihre Beiträge, für eigenständige Finanzentscheider. Und genau hier liegt ja auch das Problem. Es gibt tatsächlich zu wenige, die das Problem selbst angehen können/wollen. Darum muss ja auch wieder ein regulierendes Gesetz zum „Altersvorsorgezwang“ her ! Die Finanzindustrie wird auch daraus wieder ein schönes Geschäft machen und die „unsicheren“ Finanzentscheider in ihre Fänge nehmen und abkassieren. Es besteht auch jetzt wieder die Gefahr, dass nur Träume und Hoffnung verkauft werden. Wir hoffen, dass ihr Blog dies verhindern kann. Von vielen höre ich dann doch immer wieder „da vertraue ich meinem Finanzberater“, schauen wir mal. Herr Schott hat recht und Eltern sollten bereits für ihre Kinder etwas für die Altersvorsorge tun. Es ist eben doch nicht schlecht, über Geld zu reden. Viele Grüße aus Sachsen, Mario.
Guten Tag Herr Prof. Walz,
wenn man rund 25 Jahre nach dem Riester-GAU nun zum zweiten Mal das Thema Altersvorsorge in den Sand setzt, dann verliert man auch noch das letzte Fünkchen Glaube. Was folgt daraus:
Setzt einfach den Sparerpauschbetrag hoch auf 12.000 EUR p.a. Und pro Person, passt das mit dem Verbraucherpreisindex jährlich an, und lasst uns selbst machen!
FG
H.
Liebe/r H., Ihr Vorschlag mit dem Sparerfreibetrag wäre eine sehr einfach und transparente Lösung und ein starker Anreiz für private Altersvorsorge – ganz ohne teure Produkte. Genau deshalb wird die Lobby alles tun, ihn zu verhindern.
Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!
Lieber Herr Kleinlein
Vielen Dank für Ihren hervorragenden Blog Beitrag. Anhand der von Ihnen präzise ausgearbeiteten Zahlen und Fakten sieht man wieder, dass Versicherer dank des Lobbyismus vor fetten Jahren stehen.
Wieder werden die Vampire zum Chef der Blutbank gemacht. ( Zitat stammt nicht von mir)😁
Von Hartmut Walz habe ich gelernt, trenne strikt Risikoabsicherung und Geldanlage. Mein Tip an alle jungen Menschen, baut euch euer Altersdepot selber ohne eine Versicherung im Spiel.
Einfach ein kostengünstiges Depot suchen und in einen gut diversifizierten kostengünstigen weltweiten ETF per Sparplan investieren. Zu Bedenken ist auch aus meiner Sicht, die hohe Besteuerung und Krankenkassenbeiträge in der späteren Auszahlungsphase des Altersdepot.
Wer jung ist kann mit kleineren Beträgen beginnen.
Nochmals herzlichen Dank an Sie und alle Verbraucherschützer. Man stelle sich vor, es wäre das gleiche Budget vorhanden wie in der Versicherungswirtschaft😉
Liebe Grüsse
Uwe Schott
Sehr geehrter Herr Professor Walz,
ich danke Ihnen herzlich für Ihren unermüdlichen Einsatz. Ihre Blogbeiträge bieten immer einen echten Mehrwert und Erkenntnisgewinn. Zudem versehen Se Ihre Beiträge oftmals mit einem besonderen Charme und Witz. Einfach klasse.
Ich bin sehr gespannt, wie die Politik das Thema Altersvorsorge weiterhin angehen wird und hoffe, dass man dabei stärker auf Experten wie Sie, die keinem Interessenkonflikt unterliegen, hört.
Mit freundlichen Grüßen
Henning Wolff
Lieber Henning Wolff, herzlichen Dank für Ihre Überlegungen. Wünschenswert wäre es, dass sich die Politik weniger stark an den Interessen der Finanzlobby ausrichtet. Aber das bleibt wohl ein frommer Wunsch…
Herzliche Grüße, Hartmut Walz – Sei kein LeO!